Berlin | Fachgespräch: Brasilien vor den Wahlen
Brasilien befindet sich vor den Präsidentschafts- und Parlamentswahlen am 4. Oktober 2026 in einer politisch hochdynamischen Phase. Bis Anfang April müssen die Kandidaten sich für eine Partei festgelegt haben, mit der sie sich für ein Amt bewerben. Präsident Lula da Silva hat bereits angekündigt, für die Arbeiterpartei (PT) erneut für eine mögliche vierte Amtszeit anzutreten. Besonders aufmerksam verfolgt wird die Kandidatur von Flávio Bolsonaro (PL), Sohn des inhaftierten Ex-Präsidenten Jair Bolsonaro, der den politischen Kurs seines Vaters weiterführen will. Die weiterhin polarisierte Lage wird zudem durch ein zersplittertes Mitte‑Rechts-Lager geprägt. Innerhalb dem breit aufgestellten und programmatisch flexiblen “Centrão” stellt sich die Frage, wer kandidieren wird. Diese Konstellation beeinflusst sowohl die Dynamik der Präsidentschaftswahl als auch die parallel stattfindenden Parlamentswahlen auf Landes- und Bundesebene, bei denen erneut ein heterogener Kongress zu erwarten ist.
In den vergangenen beiden Jahren stand Brasilien als Ausrichter zweier Großveranstaltungen, dem G20-Gipfel und der Weltklimakonferenz COP30, im internationalen Rampenlicht. Präsident Lula nutzte die Aufmerksamkeit, die dem Land zukam, um Brasilien als Fürsprecher des sogenannten “Globalen Südens” zu inszenieren. In Abgrenzung zu seinem Vorgänger Bolsonaro steht Lula dem traditionellen Kurs in der brasilianischen Außenpolitik, dem einer pragmatisch an Eigeninteressen ausgerichteten Neutralität, nahe.
In diesem Jahr ist das Land Partnernation der HANNOVER MESSE 2026. Präsident Lula wird zur Eröffnung in Hannover erwartet – ein Zeichen für die industriepolitischen Ambitionen Brasiliens und sein Interesse an enger internationaler Zusammenarbeit. Die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und Brasilien sind bereits eng und könnten durch das derzeit im Ratifizierungsprozess befindliche EU‑Mercosur‑Abkommen weiter gestärkt werden. Zudem erhofft man sich von den kommenden bilateralen Regierungsverhandlungen zusätzliche Impulse für eine vertiefte Kooperation, insbesondere im wirtschaftlichen Bereich.
